Sozialarbeiter on fleek

Kolumne: Jugendarbeit und der gemeinsame Kampf durch die Pubertät

Mai 15, 2017 1

Fünf Jahre ist es her, dass ich meinen Studienabschluss gemacht habe. Fünf Jahre in denen ich mich als Sozialarbeiter gemeinsam mit Jugendlichen durch ihre Pubertät kämpfe. Und das, obwohl meine noch gar nicht so lange her ist.

Ich verstehe sie doch alle so gut. Ich weiss noch ganz genau wie es sich anfühlt, wenn Kopf und Körper reinste Baustellen sind. Null Bock auf irgendwas, die Eltern werden von Tag zu Tag komischer, die Wut auf dieses ganze ach so schwere dramatische Kackleben ist ständiger Begleiter – genauso wie die fetten Pickel im Gesicht. Dieses ganze Drama trägt man dann am besten durch seinen nicht vorhandenen Kleidungsstil nach außen, damit auch jeder sieht, wie verwirrt man als Teenager ist. Und wie unheimlich schwer es ist, sich selbst zu finden.

I feel you.

In den letzten Jahren war ich Beraterin, Zuhörerin, Tränentrockner, Animateurin, Organisatorin, Köchin, Krankenschwester, Hausmeister, Putzfrau, Chauffeur – und Möchtegern-Kickerprofi. Ich mochte diesen Job von Anfang an. Auch wenn seither kaum ein Tag vergeht, an dem ich nicht kopfschüttelnd auf Arbeit stehe. Denn plötzlich bin ich selbst „die Alte“, die versucht, ihre bisher gewonnenen Lebensweisheiten möglichst cool zu verpacken und in die aufmüpfigen Seelen einzuflößen. Wie konnte das Blatt sich so schnell wenden?

Ich kann viele Dinge akzeptieren und dulden. Zum Beispiel den vermehrten Speichelfluss von Jungs in der Pubertät und die daraus resultierenden Spuckeflecken vor dem gesamten Gebäude (Rutsch- und Ekelgefahr). Oder den Hals, den man vor lauter blaugrüner Knutschflecken gar nicht mehr als solchen deuten kann. Oder die Musik von Künstlern wie „187“, „Ufo361“ und „Mosh36“ (Was sollen die ganzen Zahlen?). Auch den Körpergeruch – die Schweißdrüsen entwickeln sich nunmal auch.

Das ist schon alles okay so.

Es ist aber wirklich nicht okay, dass sämtliche Grammatik der deutschen Muttersprache einfach nicht beachtet wird – wohlmöglich weil es zu anstrengend ist ganze Sätze zu formulieren? „Ey gehst du Netto und kaufst die Wodka?“, „Kann ich Ball?“ oder „Anne lass mal Kicker“. Ehrlich: ich möchte nicht mehr Zeit verbringen, zu entschlüsseln, was mein Gegenüber mir sagen möchte als die eigentlich Aktivität in Anspruch nimmt. Dafür bin ich wirklich zu alt.

Teenager haben es ja offensichtlich besonders schwer in ihrem Leben. Geäußert wird das dann in Worten, die im Traum nicht in meinem Wortschatz vorhanden sind. Vergessen wird in solchen Gesprächen aber oft, dass ihr Gegenüber auch ein Mensch mit Gefühlen, einer Meinung und einem Rucksack voller Probleme ist. Empathie ist in dieser Zeit wirklich ein Fremdwort. Schließlich ist man selbst der Nabel der Welt. Meiner Meinung nach sollte erziehungstechnisch der Fokus dennoch vielmehr auf die Einhaltung einfacher Kommunikationsregeln gelegt werden.

Am Ende des Tages bin ich oft müde von dem Drama. Ich frage mich immer wieder, ob irgendwann etwas fruchtet. Dann denke ich an mich selbst und habe Hoffnung. Manche Dinge brauchen einfach ihre Zeit, viel Bier, durchzechte Nächte und einen Kopf ohne Verstand.

 


Thanks, great article.

Mai 16, 2017 at 9:15 am Bablofil Reply

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